Theorie

SPACE THINKS? Soziologische Raumkonzepte.

—Sergej Stoetzer

Vortrag Berlin 18.April 2008 — [pdf herunterladen—1.4Mb]

Space Thinks – mit diesem Titel wird einerseits auf die Möglichkeiten hingewiesen, Raum als mehr zu begreifen als ein Hintergrundbild, vor dem gesellschaftliche Entwicklungen stattfinden und diesem Begriff eine eigene Dynamik zuzugestehen, andererseits auf die phonetische Ähnlichkeit mit einem zentralen Konzept der relationalen Raumtheorie, dem spacing. Indem Raum durch die Menschen in ihrem täglichen Handeln immer wieder neu konstituiert wird, bleibt er nicht länger Hintergrund sondern wird integraler Bestandteil der gesellschaftlichen Prozesse. In diesem Text geht es um eine knappe Darstellung des Wegs zu einer soziologischen Auseinandersetzung mit Raum, um dann ausführlicher auf die Konzepte von Pierre Bourdieu und Martina Löw einzugehen und deren praktische Anwendung zu diskutieren. Hier schließt sich die Frage der „Planbarkeit“ an, also die Frage, wie sich Räume entwerfen lassen und inwiefern Umdefinitionen und Neuausrichtungen im (durchgeplanten) öffentlichen städtischen Raum und privatem Wohnbereich konzeptionell mit gedacht werden können. In Anwendungsbeispielen werden Methoden zur Analyse raumbezogenen Handelns kurz vorgestellt, die aus verschiedenen Disziplinen (Kunst, Psychologie, Informatik, Soziologie) einen je eigenen Blick auf die raumkonstituierenden Phänomene ermöglichen.

Pluralistischen Konzepten von Räumen gingen normative Vorstellungen von Raum als Einheit voraus, die ihren Ursprung in der Antike, z.B. in der aristotelischen Vorstellung eines endlichen, durch Fixsterne begrenzen Raumes hatten - von Albert Einstein mit der Kurzformel „Container“, Behälterraum, bezeichnet.

Isaac Newton erweiterte (im 17. Jh.) diese Vorstellung: Raum wird als eine von der Körperwelt selbständige Realität konzipiert, die unendlich in ihrer Ausdehnung ist, innerhalb dieses absoluten Raumes jedoch relative Verortungen zulässt.

Charakteristisch für die absolutistische Raumvorstellung ist demnach die Annahme einer Dualität von Materie und dreidimensionalem (unendlichem) Raum, für den die euklidische Geometrie gilt.

Als gesellschaftliche Transformation einer ursprünglich physikalisch-philosophischen Vorstellung findet sich eine verkürzte Variante (endlicher Raum) in alltäglichen Vorstellungen als Behälterraum, in dem sich soziale Prozesse ereignen, wieder (Löw 2001, S. 27). Entwürfe in der Stadtplanung und Architektur, die an den künftigen „Nutzen“ der gebauten Umwelt und gestalteten Räume vorbeigehen, sind u.a. auf diese Tradition zurückzuführen.

Immer noch ist der absolutistische Raumbegriff in Alltagserfahrungen, aber auch in vielen wissenschaftlichen Diskursen vorherrschend, denn er hat eine lange Tradition in der westlich geprägten Philosophie und damit auch in den sich in der Neuzeit etablierenden Naturwissenschaften. Auch heute wird dieses Raumverständnis noch durch schulische Lern- und Bildungsprozesse weiter tradiert, obwohl vermehrt Irritationen auftauchen: Gesellschaftliche Transformationen aufgrund moderner Informations- und- Kommunikations-Technologien und schnellere Transportmöglichkeiten werden mit Hilfe dieser normativ-einheitlichen Vorstellung von Raum als Dematerialisierungs- und Fragmentierungserscheinungen von Raum beschrieben: Der vermeintlich einheitliche Raum zerfällt, und diese Auflösungserscheinung wird problematisiert.

(Stadt)Soziologische Arbeiten waren von diesem Raumverständnis lange Zeit geprägt und haben „Raum“ in dieser Tradition entweder ortsbezogen (meist Raum = Ort) oder territorial (Raum als Territorium verdinglicht) konzipiert und Raum als soziologischen Gegenstand entsprechend abgelehnt.

Relativistischer Raumbegriff

Mit der Entdeckung der widerspruchsfreien, nicht-euklidischen Geometrie 1830 und ihrer Vereinheitlichung durch den Mathematiker Bernhard Riemann werden nach fast 2000jähriger Dominanz des euklidischen Paradigmas verschiedene Strukturen von Raum zunächst in der mathematischen Theorie möglich.

Die wenig später formulierten Relativitätstheorien von Albert Einstein sind in diesem Kontext sicher hinreichend oft beschrieben worden - für die sozial-wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Raumphänomenen ist an diesem physikalischen Modell die Abhängigkeit beobachtbarer Ereignisse in Bezug auf die relative Position eines Beobachters wesentlich: Raum und Zeit können nicht mehr absolut definiert werden, sondern sind abhängig vom Beobachter. Da der Dualismus von Raum und Materie bzw. Körperwelt aufgehoben wurde, ergibt sich Raum somit aus den Lageverhältnissen der Körper relativ zum Bezugssystem des Beobachters. Da diese (Lageverhältnisse) in steter Bewegung sind, kann auch Raum nicht länger statisch gedacht werden.

Dieser physikalisch-naturwissenschaftliche Raumbegriff hat die Konzeption von Raum in den Sozialwissenschaften maßgeblich beeinflusst, denn viele soziale Prozesse lassen sich mit einem theoretischen System, das „Bewegung“ (also Dynamik, Prozesse, Veränderungen) als Normalfall integriert, leichter erklären.

Kennzeichnend für relativistische Raumkonzepte ist demnach die Konstitution von Raum aus den Lagebeziehungen der Elemente untereinander - die Eigenschaften der angeordneten Elemente aber, ihre Materialität, tritt in den Hintergrund.

Damit ist zunächst einmal die Absolutheit einer räumlichen Praxis aufgehoben – Räume erscheinen in relativistischer Perspektive je nach „Standort“ des Beobachters sich anders zu konstituieren. Der Fortschritt in der Loslösung eines normativen, universellen Standpunktes wird jedoch durch die problematische Annahne wieder relativiert, Raum ergebe sich alleinig aus den Lagebeziehungen der Elemente zu- und untereinander: Hier stellt sich die (erkenntnistheoretische) Frage, ob Räume als materielle Figurationen auch jenseits der Beobachtung existieren können. Für die Frage nach dem Zusammenhang von materiellen Gegebenheiten, die sich je nach Ort unterscheiden und den durch Relationen gebildeten Räumen hilft diese Konzeption nicht weiter, da sie weiterhin auf der Dualität von Raum und Materie aufsitzt.

Radikal gegen ein starres Raumkonzept argumentiert auch der französische Soziologe Pierre Bourdieu für eine soziologische Theorie des sozialen Raumes: Sie müsse mit mehreren „etablierten“ Vorannahmen brechen: mit der Privilegierung der Substanzen (Gruppen) zugunsten der Relationen; mit der Verkürzung sozialer Sachverhalte auf ökonomische Produktionsverhältnisse und auch mit dem Objektivismus, der die symbolischen Auseinandersetzungen um Rangfolge und (Selbst)Repräsentation nicht berücksichtigt.

Bourdieu erweitert die relativistische Perspektive der Raumkonstitution, indem er die Beziehungen zwischen Objekten und die Objekte selbst (also die materielle Erscheinung) als gleichwertig ansieht.

Hierin besteht ein großer theoretischer Forschritt in der Konzeption von Raum, aber auch im Hinblick auf eine Forschungslogik an sich: Bourdieu führt beide Perspektiven, die Analyse der Beziehungsgefüge und die Bestimmung der Objekte, als gleichberechtigt und notwendig in die soziologische Forschung ein – über den Begriff des „Feldes“:

„Ich muß mich vergewissern, ob nicht das Objekt, das ich mir vorgenommen habe, in ein Netz aus Relationen eingebunden ist und ob es seine Eigenschaften nicht zu wesentlichen Teilen diesem Relationennetz verdankt. Der Feldbegriff erinnert und an die erste Regel der Methode, dass nämlich jene erste Neigung, die soziale Welt realistisch zu denken oder substantialistisch (…) mit allen Mitteln zu bekämpfen ist: Man muss relational denken“ (zit. n. Löw 2001, S 157).

Sozialen Raum beschreibt er mehrdimensional als eine Abstraktion, die nur über ihre Wirkungen auf und Lokalisierungseffekte von Akteuren im (angeeigneten) physischen Raum erschließbar ist. Die einzelnen Dimensionen bezeichnet er auch als Felder, in denen je spezifische Machtverhältnisse wirksam sind: Soziologie arbeitet in diesem Sinne sozialtopologisch, sie analysiert die relative Lage der Akteure in diesen „Feldern“, um aus diesen Lageverhältnissen eine Position im sozialen Raum für die jeweiligen Akteure angeben zu können.

Die einzelnen Felder unterscheiden sich aufgrund der in ihnen wirksamen Machtmittel: Auf der ökonomischen Dimension ist dies Kapital in objektivierter Form (materielles Eigentum), inkorporiertes oder kulturelles Kapital (Wissen, Bildungszertifikate; Bücher, Gemälde, Kunst- u. Kulturgegenstände) wird zur Distinktion im kulturellen Feld eingesetzt, beispielsweise, um die eigene Position als Kunstkenner und -kritiker gegenüber anderen zu behaupten. Soziale Beziehungen spielen im dritten Feld dagegen eine Rolle, wenn über soziale Netzwerke Informationen bezogen werden können, Aktivitäten initiiert oder auch bereits die Zugehörigkeit zu einem elitären Zirkel gewinnbringend (im Hinblick auf die eigene Position in diesem Feld) ist - im Volksmund auch als Vitamin „B“ bekannt.

Zwischen diesen Feldern gibt es vielfältige Wechselwirkungen, ähnlich verschiedener „Wechselkurse“: Mit dem Einsatz von ökonomischem Kapital kann die eigene Position (im Bezug zu anderen Platzierungen) im kulturellen Feld erhöht werden (Erwerb von Wissen), das wiederum ermöglicht vielleicht den Zugang zu bisher verschlossenen „Kreisen“, in denen ein Mindestbesitz an kulturellem Kapital (z.B. best. Bildungszertifikate) Zugangsvoraussetzung ist. Rückwirkungen auf das ökonomische Kapital und damit die eigene Position in diesem Feld sind auch denkbar. Allerdings können diese Vermittlungen auch scheitern: Entwertung von Bildungszertifikaten und damit ein „Kursverfall“ dieses spezifischen kulturellen Wissens, „Fehlinvestitionen“ im sozialen Feld etc.

Die soziale Stellung eines Akteurs lässt sich im mehrdimensionalen sozialen Raum demnach unter Anwendung eines „mehrdimensionalen Systems von Koordinaten“ (Bourdieu 1991, S. 11) bestimmen, deren Werte der Position innerhalb der einzelnen Felder entsprechen. Mit dieser Stellung im sozialen Raum gehen entsprechend der relativen Lage in den einzelnen Feldern Verfügungen über die verschiedenen Kapitalvolumina einher, die die individuellen Handlungsspielräume vorstrukturieren und limitieren. Damit liefert Bourdieu eine Möglichkeit, die Verortungen einzelner Akteure im (sozialen) Raum konkret empirisch zu bestimmen und über Ähnlichkeiten in diesen Platzierungen auch Klassifikationen vorzunehmen.

Die Verortung im sozialen Raum arbeitet somit auch mit Distanzen zwischen diesen theoretisch konstruierten Gruppen („wahrscheinliche[n] Klassen[n]“, Bourdieu 1991, S. 12), die für den Fall eines sozialen Aufstiegs verringert werden müssen: Als Verdeutlichung bietet Bourdieu die Analogie mit dem geographischen Raum an: Auch hier muss zur Distanzüberwindung, d.h. zur Ortsveränderung, Arbeit, Mühe und Zeit investiert werden - über den Körper. Mit dem Konzept des „Habitus“ verbindet Bourdieu den sozialen Raum, in dem ein Akteur einen bestimmten Platz einnimmt (je nach Kapitalausstattung) mit dem Erzeugungsprinzip dieser Praxis der Unterscheidung (vgl. zum Habituskonzept Krais/Gebauer 2002). Habitus ist somit einerseits klassenspezifisch determiniert, d.h. die soziale Herkunft und Biographie sind für den Habitus wesentlich, in ihm „gerinnt“ Lebensgeschichte zu einem verinnerlichten Klassifikationssystem zur sozialen Unterscheidung. Hier spielen auch frühkindliche Erfahrungen eine Rolle, Sprache und Norm- und Wertevermittlung, aber auch Architektur selbst prägt den Habitus über die Beschaffenheit der „Räume“/Zimmer oder den Stil der Inneneinrichtung. Neben diesem Aspekt (Habitus als Werk, als opus operandum) hat der Habitus noch eine weitere Dimension: als generatives Erzeugungsprinzip von Praxisformen (Habitus als modus operandi, als Handlungsweise). Gemeint ist, dass Handlungs-, Wahrnehmungs- und Denkschemata vorstrukturiert sind (durch die Verinnerlichung der Klassifikationssysteme) und diese Struktur im Handeln (weitgehend) reproduziert. Der Akteur greift in seinen Bewertungen und Handlungen somit auf klassenspezifische Schemata zurück, geht jedoch in der jeweiligen Praxis auch über sie hinaus. Der Habitus strukturiert somit Situationen vor und reproduziert gleichzeitig die zugrunde liegende Struktur, ist jedoch nicht deterministisch. Das Konzept des Habitus erklärt für Bourdieu die weitgehende Stabilität und Trägheit sozialer Kategorisierungen und einer damit einhergehenden sozialen Ordnung.

So versucht Bourdieu auch, die Stabilität und Trägheit des sozialen Raumes zu erklären: Die eigene Position anhand der aktuellen Disposition über die verschiedenen Kapitalsorten in Relation zu anderen ist auch ein Produkt vergangener symbolischer Auseinandersetzungen - also prozesshaft und auch intergenerativ konzeptualisiert. Damit werden die objektiven Kräfteverhältnisse (Kapitalverteilung in den Feldern und daraus resultierende Struktur des Sozialraums) reproduziert - mit ihnen auch soziale Ungleichheit aufgrund unterschiedlicher Verteilung der Kapitalarten in den einzelnen Feldern.

Die Möglichkeit der Überlagerung dieser Felder im sozialen Raum und die Rückwirkungen auf den beobachtbaren physischen Raum erklärt die Konzentration von seltenen Gütern und ihren Besitzern an prädestinierten Orten - sowie das Gegenteil dieser Elitären Orte, die Ghettobildung.

Die Ähnlichkeit und Nähe im sozialen Raum geht also mit ähnlichen Vorstellungen, kulturellem Hintergrund und Verhaltensweisen einher - kurz mit einem ähnlichen Habitus.

Diese relative - wenn man so will, „regionale“ - Homogenität im sozialen Raum bedeutet nicht die prinzipielle Unvereinbarkeit sozial entfernter Positionierungen: Neben den Clusterbildungen, die von der Struktur des von Kapitalverteilungen konstruierten Sozialraums ausgehen, gibt es Gruppenbildungen aufgrund anders organisierter Teilungsprinzipien - Bourdieu nennt ethnische und nationale, denen er aber nicht die gleiche Stabilität zuerkennt.

Bourdieu bietet über den sozialen Raum einen Zugang zu sozialer Wirklichkeit, der relativ leicht für empirische Fragen und praktische Umsetzungen nutzbar ist: Ausgehend von verschiedenen Feldern, in denen die jeweiligen Kapitalsorten wirksam sind, entsteht der mehrdimensionale soziale Raum - die Lageverhältnisse und damit die Machtverhältnisse der Akteure zueinander werden dabei über habituelle Dispositionen prozesshaft und auch intergenerativ reproduziert. Kulturelles Kapital beispielsweise erhebt Bourdieu über Geschmackspräferenzen, den Besitz an Kulturgütern und Bildungszertifikaten.

Sozialer Raum als abstrakte Vorstellung einer mehrdimensionalen Beziehungsstruktur arbeitet dabei ähnlich der Konzeption geographischer Räume mit der Relation Nähe-Ferne.

Sie lässt sich auch im physischen Raum finden, den Bourdieu dem sozialen gegenüberstellt und als angeeigneten physischen Raum präzisiert (erkenntnistheoretische Differenzierung).

Beide Räume fallen nicht zusammen - hierauf hat auch schon der in die USA emigrierte russische Soziologe Pitirim Alexandrowitsch Sorokin 1927 hingewiesen: Aus physischer Nähe allein lassen sich keine Rückschlüsse auf soziale Nähe ziehen, was er am Beispiel des Königs und seines Dieners exemplifiziert (vgl.Funken/Löw 2003, S. 84f.). Wichtig in dieser Hinsicht ist der Hinweis Bourdieus, dass ein entsprechendes Kapital (Gesamtumfang & Struktur) vorhanden sein muss, damit der Ort, an dem der Akteur sich platziert, auch entsprechend den geltenden sozialen Normen angeeignet werden kann.

So besitzen Wohngebiete eine Durchschnittswahrscheinlichkeit der Aneigbarkeit der verfügbaren (materiellen und kulturellen) Güter und Dienstleistungen - ihre faktische Nutzung aber hängt von den jeweils zur Verfügung stehenden Machtmitteln (dem Potential in den einzelnen Feldern) ab, so dass man „durchaus ein Wohngebietphysisch belegen [kann], ohne wirklich und im strengen Sinne darin zu wohnen; wenn man nämlich nicht über die stillschweigend geforderten Mittel dazu verfügt, angefangen mit einem bestimmten Habitus.“ (1991, S. 31).

So könnten Familien auf die Idee kommen, das verfügbare Geld in ein idyllisches Reihenhaus zu investieren, um den Kindern ein vermeintlich intaktes soziales Umfeld im Grünen zu ermöglichen. Reichen die finanziellen Mittel dann aber nicht, um bspw. an kulturellen Ereignissen (Konzertbesuche der jugendlichen Kinder) teilzunehmen oder einen bestimmten Kleidungsstil zu pflegen, ist trotz großer Nähe im „physischen“ Raum die soziale Position eine völlig andere.

Sozialer Raum in dieser Konzeption bleibt aber ein Abstraktum, wenn er mit dem beobachtbaren, angeeigneten physischen Raum nicht in Bezug gebracht werden kann. Diesen Bezug charakterisiert Bourdieu als einseitigen Prozess der Einschreibung:

„Der soziale Raum weist die Tendenz auf, sich mehr oder weniger strikt im physischen Raum in Form einer bestimmten distributionellen Anordnung von Akteuren und Eigenschaften niederzuschlagen.“ (1991, S. 26)

Damit lassen sich über die Betrachtung der relationalen Verteilung von Menschen und der Analyse ihrer physischen Umwelt sowie den Ort ihrer Platzierung, wichtige Rückschlüsse auf die jeweilige Stellung im sozialen Raum ableiten. Insofern bietet Bourdieu eine über zahlreiche Studien zu Habitus uns Lebensstil abgesicherte Operationalisierung an, Räume soziologisch zu beschreiben und für einen empirischen Zugang nutzbar zu machen.

Inwiefern die Konstitution von Räumen habituellen Präferenzen, also Lebensstil- und Geschmacksfragen im Zusammenhang mit sozialem Status und Klassenzugehörigkeit folt, kann man gut an einer Untersuchung zu privaten Räumen erkennen – sie haben gegenüber öffentlichen Räumen für den einzelnen Akteur eher Modifikationspotentiale.

Anwendung: Analyse privater Raumkonstitutionen mit dem Bourdieuschem Lebensstilkonzept

Ulf Wuggenig (1994) untersuchte mit Hilfe von Photos der eigenen Wohnung, die die Befragten selbst erstellten (4 Photos vom Wohnzimmer mit jeweils pos./neg. Besetzung des Abzubildenden, dann weitere Räume), den Zusammenhang von Lebensstil, Habitus und der (Aus)Wahl der Objekte, da insbesondere das häusliche Interieur als Distinktionsmerkmal eingesetzt wird - über die Analyse der Gestaltung des privaten Raums werden somit Rückschlüsse auf die Position im sozialen Raum getroffen. Wuggenig belässt es bei seiner Analyse mit der Rekonstruktion der Bedeutungszuschreibungen zu materiellen Dingen (semantische Distanzen) in Anhängigkeit vom gesellschaftlichen Status des Befragten, ohne die Relationen der Objekte im Sinne von räumlichen Distanzen zueinander zu berücksichtigen. Über diesen Zugang lassen sich unterschiedliche Relevanzen der Objekte für die Konstitution des privaten Raumes erkennen:

Mit Hilfe einer Korrespondenzanalyse, in die die auf den Photos identifizierten Objekte (37 Objektkategorien, diese wiederum zugeordnet zu Kategorien Mobiliar, (objektiviertes) Kulturelles Kapital, Räume/Raumteile und Andere Objekte) und Klassenfraktion (über Beruf operationalisiert) sowie Bildungszertifikate eingingen, konnte Wuggenig zeigen, dass für die akademisch-intellektuelle Elite Bücher, Schreibtische und Skulpturen wichtiger Bestandteil des häuslichen Raums sind, während Repräsentanten des „neuen Kleinbürgertums“ sowie Menschen mit mittlerer Bildung Poster, Photos, Musikinstrumente oder akustische Medien abbildeten. In den unteren Berufsklassen und bei niedrigem Bildungsniveau sind fast keine kulturellen Objekte mehr relevant, sondern profane Gegenstände funktionalen Charakters, die die Konstitution von privaten Räumen bestimmen.

Betrachtet man den gleichen Sachverhalt unter der Frage sozialer Mobilität (Bildungskapital des Vaters als Bezugspunkt) und positiv bewerteten abgebildeten Objekten ergibt sich ein interessanter kurvilinearer Zusammenhang: Lediglich Bildungsaufsteiger (mobile) schreiben kulturellen Objekten verstärkt positive Bedeutungen zu - sie dienen der Selbstrepräsentation im Rahmen der Konstitution privater Räume. Repräsentanten des oberen Endes der Bildungshierarchie verfügen zwar ebenfalls über entsprechende Kulturgüter, schreiben diesen aber selten explizit positive Eigenschaften zu - zu selbstverständlich ist in dem Bewusstsein die Zugehörigkeit zum Bildungsbürgertum, als dass kulturelle und ästhetische Zeichen hierfür noch in Anspruch genommen werden müssten. Am unteren Ende der Bildungshierarchie werden ebenfalls kaum mit kulturellem Kapital assoziierte Objekte abgebildet, sie haben ebenfalls kaum eine Bedeutung für die subjektive Raumproduktion - allerdings auch, weil sie faktisch fehlen.

An der Studie von Wuggenig lässt sich zeigen, dass Objekte der häuslichen Welt, also des privaten Raumes, sehr unterschiedlich in die Raumvorstellungen (Selbstrepräsentation) eingehen - je nach Mobilität und sozialem Status. Die von ihm vorgelegte Untersuchung orientiert sich eher an den Bourdieuschen Vorstellungen von Raum (ohne auf diese explizit Bezug zu nehmen). Durch die engen Vorgaben an die Befragten und die standardisierte Analyse werden aber wichtige subjektive Relevanzsetzungen der beteiligten Akteure nicht erfasst. Auch wird nicht systematisch berücksichtigt, aus welchem Ensemble von Gütern die Ausschnitte von den Befragten gewählt wurden - was ausgeschlossen wurde, entzieht sich der Analyse.

Auch theorieimmanente Gründe verstellen eine wesentliche Komponente der Konstitution von Räumen: Da Bourdieu zwischen einem abstrakten sozialen Raum und dem physischen Raum trennt, in den Einschreibungen erfolgen, verwendet er zwei konzeptionell verschiedene Raumlogiken: Der relationale Sozialraum wird dem territorial gedachten physischen Raum, der als Container konzipiert wird, entgegengesetzt, Veränderungen des ersten wirken sich aus als Umverteilung einer relationalen Ordnung im Container physischer Raum oder als Modifikation der Objekte - von dort aus müssen Rückschlüsse auf eben diese ursächlichen Veränderungen (die zugrunde liegenden soziologischen Prozesse) gezogen werden.

Die Einschreibung in materielle Strukturen wird zur Erklärung der Trägheit der Platzierungen genutzt - ohne die Möglichkeit, Wechselwirkungen zu analysieren: In Bourdieus Modell gehen alle Veränderungen von der Modifikation des sozialen Raumes aus.

Rahmenbedingungen der Einschreibung, wie die vorgefundene Ordnung der Dinge und ihre Eigenschaften, die ja ihrerseits Produkte vergangener Einschreibungsprozesse sind, werden als nicht relevant für die aktuellen Platzierungen aus der Analyse ausgeschlossen. Materie hat somit keinen Einfluss auf soziale Prozesse.

Relationaler Raumbegriff

Martina Löw schlägt einen Raumbegriff vor, der empirisch schwerer umsetzbar ist, dafür aber weder eine räumliche Trennung von sozialem, physikalischem oder geographischem Raum vornimmt, noch die „Außenwirkung“ der materiellen Umwelt als Sedimente vergangener Handlungen passiv werden lässt.

Sie bezeichnet ihren Raumbegriff als relational und unterscheidet zwei raumkonstituierende Prozesse: Einerseits „das Plazieren von sozialen Gütern und Menschen bzw. Positionieren primär symbolischer Markierungen, um Ensembles von Gütern und Menschen als solche kenntlich zu machen“ (Löw2001, S. 158). Diesen Prozess bezeichnet sie als Spacing.

Andererseits bedarf es bei der Konstitution von Raum einer Syntheseleistung: Menschen und Güter werden zu Räumen über Prozesse der Wahrnehmung, Vorstellung und Erinnerung zusammengefasst. Beides erfolgt jedoch keineswegs beliebig, sondern unter vorstrukturierten Bedingungen.

Weitere Aspekte dieses Raumbegriffs sind:

  • Konstitution von Raum in der Wechselwirkung von Struktur(en) und Handlung
  • Reproduktion gesellschaftlicher und räumlicher Strukturen im repetitiven Alltag
  • Regelmäßigkeit und Abweichung
  • Außenwirkung der sozialen Güter und Menschen: Atmosphären
  • praktisches Bewusstsein - reflexive Kontexte
  • Abhängigkeiten der raumkonstituierenden Prozesse
  • Ort und Raumkonstitution
  • (erkenntnistheoretische bzw. methodologische Konsequenzen)

Räume entstehen durch die (An)Ordnung von Körpern - Lebewesen und sozialen Gütern -, die Produkte gegenwärtigen und vergangenen (symbolischen und materiellen) Handelns sind.

„Raum ist eine relationale (An)Ordnung sozialer Güter und Menschen (Lebewesen) an Orten“ (Löw 2001, S. 224)

Der Begriff der (An)Ordnung verweist dabei auf den Prozess des Platzierens, also die Handlungsdimension sowie auf eine strukturelle Dimension - die in einem wechselseitigen Bezug zueinander stehen (Rückwirkung von Materie auf Handlungen, die Bourdieu vernachlässigte) und als Dualität von Struktur und Handeln eben jene räumlichen Strukturen reproduziert:

Spacing und Syntheseleistung erfolgen unter vorstrukturierten Bedingungen in einem Abhängigkeitsverhältnis mit den Bedingungen der Handlungssituation: Gesellschaftliche Raumvorstellungen, klassen-, geschlechts- und kulturspezifischer Habitus beeinflussen diese Prozesse, die überdies vom Ort der Syntheseleistung und der Außenwirkung der vorgefundenen sozialen Güter und Menschen abhängen. Darüber hinaus kann nur das platziert werden, was in einer Handlungssituation zur Verfügung steht - d.h. Spacingprozesse sind Aushandlungsprozesse abhängig von Verfügungsmöglichkeiten über symbolische und materielle Güter (und Lebewesen) vor Ort - sie finden keineswegs in einem Machtvakuum statt (vgl. Löw 2001, S. 228).

Abbildung 1

Abb. 1: Modell Raumsoziologie © Sergej Stoetzer

Räumliche (An)Ordnungen strukturieren somit Handlungen und werden gleichzeitig durch sie (re)produziert. Dies geschieht im Rückgriff auf Routinen im repetitiven Alltag. Martina Löw greift zur Beschreibung der Raumkonstitution auf die von Anthony Giddens getroffene Unterscheidung von praktischem und diskursivem Bewusstsein zurück: Letzteres ermöglicht die Verbalisierung der eigenen Handlungspraxis in der reflektierten Auseinandersetzung, z.B. in Interviews, in denen Bewohner über ihr Kiez sprechen, über ihre Wahrnehmung der eigenen Stadt oder die Einrichtung ihrer Wohnung. Je nach Habitus sind diese reflexiven Auseinandersetzungen mit der eigenen räumlichen Praxis mehr oder weniger ausgeprägt. Um eine solche Situation „herzustellen“, ist Zeit und Vertrautheit/Vertrauensvorschuss wesentlich, visuelles Material kann hier hilfreich eingesetzt werden: Bewohner beschreiben ihr Viertel z.B. anhand von Photos, die sie selbst erstellt haben oder kommentieren eine Auswahl an Bildern/Zeitungsausschnitten etc.

Das praktische Bewusstsein umfasst das Wissen, das in alltäglichem Handeln zwar aktualisiert wird, jedoch nicht direkt zugänglich ist.

Im repetitiven Alltag werden Räume in der Regel aus dem praktischen Bewusstsein heraus konstituiert - Menschen unterhalten sich selten darüber, wie sie Räume schaffen. Auf Nachfrage aber, d.h. in reflexiven Kontexten kann ein Teil des Wissens aus dem praktischen Bewusstsein in das diskrusive überführt und so kommuniziert werden: Die Konstitution von Raum wird dann in Worten fassbar.

Über regelmäßige alltägliche, nicht bewusst reflektierte Handlungen werden demnach Räume konstituiert - d.h. bestimmte Platzierungen (Handlungen) und Syntheseleistungen werden wiederholt - gesellschaftliche Strukturen werden über gewohnheitsmäßige Handlungen reproduziert. Die entstehenden Räume strukturieren Handlungen wiederum vor (Wahrnehmung einer verallgemeinerten AnOrdnung bspw.: genormte Syntheseleistung)

Diese Dualität von Raum wird als räumliche Struktur bezeichnet, wenn die Konstitution von Raum unabhängig von Zeitpunkt und Ort über Regeln und Ressourcen erzeugt wird und in Institutionen eingelagert ist. Strukturen sind somit in Institutionen verankert, also „auf Dauer gestellte Regelmäßigkeiten sozialen Handelns.“ (soziale Gebilde organisatorische Form: Behörden etc.; aber auch gesellschaftlich vorarrangierte Muster des Handelns; Löw 2001, S. 169).

Dabei bilden räumliche Strukturen zusammen mit juristischen, ökonomischen Strukturen und den sie durchziehenden Strukturprinzipien Klasse und Geschlecht die Gesamtstruktur einer Gesellschaft - das Räumliche wird also nicht vom Gesellschaftlichen abgegrenzt, sondern als ein Teil dessen begriffen.

Institutionalisierte Räume entstehen, wenn Spacing und Syntheseleistung über individuelles Handeln hinweg bestehen bleiben und genormte Syntheseleistungen und Spacings nach sich ziehen. So lassen sich z.B. schichtspezifische (An)Ordnungen von Möbeln in Wohnungen finden - die Fächergruppe Designwissenschaft hat darauf hingewiesen, dass sich die Arrangements der Wohnzimmer den Möbelkatalogen ähneln (vgl. Löw 2001, S. 169)- oder auch die (An)Ordnung in einer Bibliothek stark standardisiert ist und bereits mit einem rudimentären Wissen über die Platzierung der Gegenstände (Teileinblick in den Versuchsraum) weitgehend fehlerfrei reproduziert werden kann, so das Ergebnis der Untersuchung von Günther Kebeck und Mark May über die Stabilität von räumlichen Vorstellungen ()

Abbildung 2

Abb. 2: Szene aus dem Film „Fightclub“ (1999; Copyright Foxmovies)

Die institutionalisierte (An)Ordnung, die im praktischen Bewusstsein als etwas Selbstverständliches wahrgenommen wird, führt dazu, dass Raum gegenständlich (und meist dreidimensional) wahrgenommen wird. Die Alltagsvorstellung von Raum als Container wird so in ein relationales Raummodell integrierbar.

Änderungen von institutionalisierten Raumkonstitutionen sind aufgrund von Fremdheitserfahrungen (Verfremdungseffekte!), Einsicht in die Notwendigkeit, körperlichem Begehren oder Handlungsweisen anderer auf zwei Ebenen möglich: Sie können zu Abweichungenführen, die, wenn sie intentional gegen institutionalisierte (An)Ordnungen gerichtet sind, auch als gegenkulturell bezeichnet werden und einmalige oder dauerhafte gegenkulturelle Räume entstehen lassen. Sie können auch zu Veränderungen führen, wenn die Abweichungen dauerhaft und nicht nur individuell erfolgen - Veränderungen institutionalisierter Räume bis hin zu Strukturveränderungen werden somit möglich.

Orte sind Ziel der Platzierungsprozesse, die immer in Relation zu anderen Platzierungen erfolgen - Menschen gehen in zweifacher Hinsicht in diese Raumkonstitution ein: Zum einen können sie mit anderen Lebewesen oder sozialen Gütern zu Räumen zusammengefasst werden, zum anderen sind sie selbst aktiv an Platzierungsprozessen beteiligt. Die Anwesenheit eines (wissenschaftlichen) Beobachters verzerrt daher die am Ort erfolgenden Raumkonstitutionen systematisch.

Neben dem Normalfall der aufeinander bezogenen Prozesse Spacing und Syntheseleistung sind auch Syntheseleistungen ohne Spacings möglich, z.B. in wissenschaftlichen Arbeiten, als Abstraktionsleistung - oder wenn kein realer Ort für Platzierungen zur Verfügung steht:

Im Entwurf von Häusern oder Wohnungen am Reißbrett oder virtuell mit Hilfe von CAD-Software werden Vorstellungen von der Anordnung der raumbildenden Elemente visualisiert - jedoch ohne einen konkreten Ort:

Die Platzierungen von Wänden, Fenstern, Einrichtungsgegenständen, der Einbezug der Umgebung (als digitales Abbild) und intendierten Nutzern (über Templates von Menschen) erfolgt virtuell.

Das Spacing wird später „nachgeholt“, wenn z.B. die auf dem Reißbrett oder im Computer entworfenen Räume tatsächlich entstehen.

In diesem Sonderfall der Konstitution von Raum, bei dem die Platzierungen im Realraum zunächst (noch) nicht erfolgen, entstehen zwei Räume gleichzeitig an einem Ort: Ein Raum wird „virtuell“ entworfen (und kann über Syntheseleistungen als solcher wahrgenommen werden) während man sich real in einem anderen Raum befindet und sich durch diese Platzierung ebenfalls im doppeltem Sinne raumkonstituierend verhält.

Die Möglichkeit, überlagernde, plurale Räume auf theoretischer Ebene zu ermöglichen, ist ein wesentlicher Aspekt dieses erweiterten Raumbegriffs: So lassen sich auch Raumnutzungskonflikte, die unterschiedlichen Raumkonstitutionen zugrunde liegen, leicht erklären - oder die Kontroverse zwischen dem Bestreben, das Internet weiter zu verregeln und dem Dagegenhalten von Netzaktivisten als Konflikt verschiedenen Raumlogiken - juristische rechtliche Strukturen, meinst nationalstaatlich-territorial organisiert, und der relationalen Logik des Mediums, entlarven.

Folgende erkenntnistheoretische und methodologische Konsequenzen ergeben sich aus der Verwendung des relationalen Raumbegriffs:

„Da die meisten sozialen Güter und alle Menschen gleichzeitig Elemente sind, aus denen ein Raum gebildet wird, und (aus einer anderen Perspektive) selbst Raum sein können, ist der Blickwinkel des Synthetisierenden jeder Raumkonstitution immanent. Die Synthese von sozialen Gütern und Menschen zu Räumen sowie die damit einhergehende Perspektive des oder der Handelnden kann in der wissenschaftlichen Analyse bzw. durch die Reflexivität jedes Einzelnen problematisiert werden. In dieser reflexiven Analyse wird jedoch der Konstitutionsprozess selbst aus einer bestimmten Perspektive analysiert, so das in der Reflexion selbst neue Räume entstehen. [...] Wissenschaft bildet demzufolge nicht die Wirklichkeit des Raumes ab, sondern konstituiert Raum erneut, wobei dieser Konstitutionsprozess selbst zum Gegenstand der Forschung gemacht werden kann.“ (Löw 2001, S. 229f.)

RaumDesign - Gebäude als technische Artefakte

Komplexer wird die Analyse von Räumen, wenn man berücksichtigt, dass einige Güter, die angeordnet sind, nicht nur selbst einem Modifikationsprozess unterliegen, sondern ganz konkret für bestimmte räumliche Praktiken hergestellt wurden. Diesen technischen Artefakten liegt ein Designprozess zugrunde, der selbst ein Aushandlungsprozess zwischen konkurrierenden Ideen, technischen Notwendigkeiten oder Vorschriften und ästhetischen Ansprüchen ist, der Auswirkungen auf spätere Nutzungsmöglichkeiten hat.

Mit dem Status quo ist die Auseinandersetzung jedoch keinesfalls abgeschlossen. Die tatsächliche Nutzung kann von der intendierten abweichen, die Aneignung des Artefakts ist an bestimmte Formen der Kapitalakkumulation gebunden – der Beliebigkeit der Veränderung sind dabei wiederum Grenzen gesetzt (materiell-technische, rechtliche etc.).

Tom Gieryn (2002) schlägt vor, die in der Techniksoziologie entwickelten Analysevorstellungen für technische Artefakte auf Gebäude zu übertragen:

Gebäuden liegt ein Entstehungsprozess zugrunde, d.h. Entscheidungen über das Arrangement/Design, die in einem sehr komplexen Prozess von Spacing und Syntheseleistung (teilweise gesteigert in der Verschränkung von virtuell und real im Entwurfsprozess), von Inklusion und Exklusion von Funktionen, von Gestaltungs- und Nutzungsmöglichkeiten getroffen werden.

Gieryn geht davon aus, dass Gebäude soziales Leben stabilisieren, indem sie eine Struktur für soziale Institutionen bereitstellen – sie können jedoch nicht perfekt stabilisieren, da Zerfall, Zerstörung oder Modifikationen (z.B. der gesellschaftlichen Nutzung oder der Substanz selbst) diese stabilisierende Kraft verringern können. Akteure können ebenfalls Gebäude modifizieren, es entstehen Raumnutzungen, die vorher nicht geplant waren. Eine interessante Auseinandersetzung über eine solche Modifikation eines sakralen Baus finden sich für die Kirche St. Afra in Meißen - augrund sehr geringer Nutzung der Kirche durch Gemeindemitglieder wird über einen Ideenwettbewerb über alternative Nutzungskonzepte nachgedankt. Sie reichen von Konservierung des Status quo über Kunstinstallationen (4 Elemente) bis hin zu einem Wellness-Tempel.

Gieryn beschreibt auch sehr ausführlich, wie die soziale Struktur eines Gebäudes durch Entscheidungen während des Entstehungsprozesses mitbestimmt wird. Wohnung als technisches Artefakt strukturiert also Handlungen und Handlungsmöglichkeiten: In Grundrisszeichnungen wird häufig eine solche intendierte funktionale Zuordnung einzelner Zimmer angegeben, z.B. für eine 3-Zimmer-Wohung: Kind, Wohnen, Schlafen – bestimmte Wohnungen sind nicht geeignet für WGs, wegen Durchgangszimmern.

Das technische Artefakt „Gebäude“ besitzt durch die Materialität (Mauern) eine Trägheit, zu deren Überwindung eine bestimmte Kapitalakkumulation nötig ist – sicherlich ökonomisches, und hoffentlich auch soziales und kulturelles Kapital…

Der rechtliche Status, ob man z.B. Untermieter, Mieter oder Eigentümer ist, spielt eine entscheidende Rolle für die Nutzungs- und Modifikationsmöglichkeiten (Ein Untermieter wird wohl kaum eine Wand einreißen oder ein neues Bad einbauen). Die materielle Trägheit des Artefakts ist auch rechtlich abgesichert. Hier ergibt sich wieder ein direkter Bezug zu den rechtlichen räumlichen Strukturen (öffentlich vs. privat).

Durch die Konzeption von Wohnungen als technische Artefakte wird eine Analyse von Raumkonstitutionsphänomenen im Hinblick auf ansonsten vernachlässigte „Rahmenbedingungen“, die Resultat vergangener Aushandlungsprozesse, strukturierende Vorgaben und Ziel künftiger Strukturierung seitens menschlicher Akteure selbst sind, bereichert. Spannend zu untersuchen ist, wie die Vermittlungsprozesse zwischen intendierter und nichtintendierter oder subversiven Nutzung des technischen Artefakts verlaufen und welche Rückschlüsse zu den im Entwurfsprozess erfolgten strukturellen Ein- und Ausschlüssen festzustellen sind.

(Forschungs-)Praxis: Analyse raumbezogenen Handelns

Welche Möglichkeiten bietet ein erweiterter soziologischer Raumbegriff wie der des relationalen Raumes in der Praxis? Zunächst einmal öffnet er durch eine theoretische Sensibilisierung das Spektrum der Möglichkeiten, raumbezogenes Handeln zu beobachten und aus den räumlichen Praxen, den Aushandlungsprozessen um die Besetzung und Deutungshoheit räumlicher Arrangements, Erkenntnisse methodisch kontrolliert abzuleiten: Wie werden Räume wahrgenommen, wie das eigene Verhalten in Bezug zu anderen definiert?

Time-Space-Diagramme

Der Geograph Törsten Hägerstrand hat einen sehr praxisorientierten Weg vorgeschlagen, Handlungen in Bezug auf ihre räumliche und zeitliche Einordnung zu erheben und zu visualisieren. In einem dreidimensionalen Koordinatensystem wird in der Ebene eine räumliche Abstraktion, also eine Karte oder ein Luftbild, dargestellt und auf der z-Achse die Zeitdimension. Somit lassen sich Orts- und Wegnutzungen standardisiert erheben und in kartographische Darstellungen visualisieren – z.B. Alltagswege in der Stadt nach Geschlecht differenziert. Mit dieser Erhebungs- und Darstellungsmöglichkeit können die dynamischen Bezugssysteme Raum und Zeit miteinander verbunden dargestellt werden (vgl. auch Löw 2001, 38ff).

Eyetracker: Blickrichtung messen

Die Analyse von Blickrichtungen reicht schon einige Jahrzehnte zurück, ist aber erst mit moderner Computertechnologie effektiv einsetzbar geworden. Hier werden i.d.R. durch Kameras die Augenbewegungen aufgezeichnet, während eine weitere Kamera die Gesamtszene festhält. Anhand der Lage der Pupillen kann errechnet werden, auf welche Punkte der Gesamtszene der Blick fixiert ist. Aus der Wahrnehmungspsychologie ist bekannt, dass das bewusst wahrgenommene Gesichtsfeld in Wirklichkeit aus einer Vielzahl kurzzeitig fixierter Details konstruiert wird. Mit Hilfe der Blickverfolgung kann eine visuelle Aufmerksamkeitsverteilung erhoben werden, die „vor“ der bewussten Interpretation stattfindet. Anwendungsgebiete sind z.B. Evaluation von Webseiten, die Platzierung von Warenangeboten oder auch wahrnehmungspsychologische Grundlagenforschung.

Intelligente“ Videoüberwachung

Ebenfalls an visuellen Daten orientiert sich die Auswertung von Kamerabildern, z.B. Überwachungskameras an öffentlichen Plätzen. Computersoftware ist heutzutage in der Lage, auf den Videobildern Personen oder auch Gesichter anhand charakteristischer Formen zu erkennen und visuell im Videobild zu markieren.

Beispiele:

1) http://www.comp.leeds.ac.uk/vision/proj/amb/research/track3.mpg

2) http://www.comp.leeds.ac.uk/vision/proj/amb/research/track2.mpg

Die Bewegungen von Personen über einen öffentlichen Platz können so auch über mehrere Kameras hinweg verfolgt werden. Anwendungsgebiete sind neben Sicherheitstechnik Kunstinstallationen, die Bewegungspfade im öffentlichen Raum anhand dieser Technik nachzeichnen und verfremden (z.B. Memory of Space: http://www.ursuladamm.de/inoutsite/).

Analyse räumlicher Anordnungen: Panoramaphotographie

Komplexe räumliche (An)Ordnungen für eine Analyse zu nutzen, die in einem handlungsentlasteten Umfeld erfolgt, ist ein Aspekt eines Forschungsansatzes, der 360° Panoramaphotos von privaten Räumen verwendet, die mit einer einzigen Aufnahme erstellt werden. Im Hinblick auf die Analyse der verbildlichen Raumkonstitution wird unter Einbezug der Biographie der Frage nachgegangen, wie Prozesse der Raumkonstitution verlaufen. Eingesetzt werden Photos, die die Befragten selbst erstellen und die anschließend als Stimulus für ein narratives Interview verwendet werden - sowie zur Abbildung der einzelnen Zimmer der Wohnung 360°-Panoramaaufnahmen mit einer Spezialoptik. Die Gesamtheit der Perspektiven wird so über eine Rekonstruktion am Computer möglich (ausführlich: Stoetzer, K. 2004 und www.raumbiographie.de)

Abb3. Photo eines Interviewpartners (Serie von 7 Bildern)

Abb4. 360° Panoramaphoto

© K. Stoetzer (2004, S.364)

Vor allem über die Auswertung der Interviews wird die biographische Komponente der Raumkonstitution erschlossen (Hintergründe: Geschichte der Wohnung/WG; Erfahrungen mit räumlich bedingten Aushandlungsprozessen oder räumlichen Rekonfigurationen etc.).

Photocollagen als virtuelle Raumkonstitution

Eine weitere Möglichkeit stellen virtuelle Spacings in Photocollagen dar. Sie stellen Bezüge zwischen visuellen Abbildungen der eigenen Stadt her und vernetzen sie auf diese Weise.

Abbildung 5

Ähnlich einem Hyperlink kann so entlang der aktiv hergestellten Verbindungen durch eine visuelle Abstraktion des urbanen Raumes navigiert werden. Entwickelt wurde dieser Zugang, um Vorstellungen der Einwohner von Ihrer Stadt abbildbar zu machen, ihr “Image”. Photos, von den Befragten selbst erstellt, wurden mit einer Software verlinkt - über Bildbereiche mit gemeinsam abgebildeten Personen oder Objekten (serielle Photografie), aber auch durch rein inhatliche Bezüge:

Abbildung 6

Die Verbindungen lassen sich von ihrer Struktur her interaktiv nachvollziehen oder im Überblick darstellen (ausführlich: www.urban-images.net).

Fazit

Die hier vorgestellten soziologischen Theorien zu Raum sind nur eine Auswahl – andere Modelle haben andere Foki, z.B. die Einbettung in gesellschaftliche Produktionsverhältnisse: Henry Lefébvre, vgl. dazu Löw/Steets/Stoetzer 2007)

Ein erweiterter soziologischer Raumbegriff kann keine deterministischen Erklärungsmodelle offerieren, die eine Evaluation und Optimierung bisheriger Planungs- und Entwurfspraxis auf eine teleologische Zielbestimmung hin ermöglichen. Er kann aber die Komplexität von Raumkonstitutionen angefangen vom Entwurf (virtuelle Spacings, Raumüberlagerung) über die realweltliche Umsetzung (Aushandlungsprozesse, Nutzungskonflikte, Raumlogikkonflikte) bis hin zur Aneignung dieser gebauten Umwelt in der wechselseitigen Dynamik von stabilisierender Struktur und strukturierendem Handeln in Wahrnehmung und die Produktion von Räumen begrifflich exakt beschreiben und (nicht nur) einer sozialwissenschaftlichen Analyse zugänglich machen.

Literatur:

Bourdieu, P. (1991). Physischer, sozialer und angeeigneter physischer Raum. Stadt-Räume. Die Zukunft des Städtischen. M. Wentz. Frankfurt am Main: 25-34.

Funken, C. / M. Löw (2003). Ego-Shooters Container. Raumkonstruktionen im elektronischen Netz. Raum - Zeit - Medialität. Interdisziplinäre Studien zu neuen Kommunikationstechnologien. C. Funken and M. Löw. Opladen, Leske + Budrich: 69-91.

Kebeck, G. and M. May (1991). “Invarianz gegenüber Transformation. Ein Vergleich von Raumwahrnehmung und Raumvorstellung.” Zeitschrift für experimentelle und angewandte Psychologie 38(2): 226-247.

Krais, B./Gebauer, G (2002): Habitus. Bielefeld.

Löw, M. (2001): Raumsoziologie. Frankfurt/Main.

Löw, M/Steets, S/Stoetzer, S (2007): Einführung in die Stadt- und Raumsoziologie. Opladen & Farmington Hills.

Stoetzer, K. (2004): Photointerviews als synchrone Erhebung von Bildmaterial und Text. In: Zeitschrift für Qualitative Bildungs-, Beratungs- und Sozialforschung. 5.Jg., H2, S. 361-370.

Wuggenig, U. (1994). Soziale Strukturierungen der häuslichen Objektwelt. Ergebnisse einer Photobefragung. In: Mörth/Fröhlich: Das symbolische Kapital der Lebensstile. Zur Kultursoziologie der Moderne nach Pierre Bourdieu. Frankfurt/Main, S. 207-228.

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